Keimsprossen bereichern jeden Speiseplan. Autorin Ute erklärt, wie es geht.

Wir zivilisierten Zweibeiner sind ja manchmal richtig undankbar, nicht? Da kommt der Frühling endlich mal wieder in seiner milden Variante, die Tage werden länger und heller, die ersten Frühlingsblüher im Garten wagen sich optimistisch an die Luft, die Vogelwelt ist schon außer Rand und Band… und was machen wir? Gähnen. Frühjahrsmüdigkeit nennt sich das und soll daran liegen, dass bei der Umstellung des Körpers von Winter auf Frühling das stimmungsaufhellende Hormon Serotonin noch gegen größere Mengen des schlaffördernden Melatonins aus der dunklen Zeit quasi anarbeiten muss. Hinzu kommt, dass auch die Reserven an Vitaminen und Mineralstoffen, die uns durch den Winter getragen haben, dann doch langsam aufgebraucht sind. Und obwohl wir ja anders als in früheren Zeiten heutzutage ganzjährig mit Treibhausgemüse aus den einschlägigen Anbaugebieten versorgt werden, reicht das doch nicht so ganz aus, um uns so schnell innerlich aufzuforsten, wie wir es im Frühling gern hätten. Und bis zum selbstgezogenen Gemüse vom Balkon oder aus dem Garten ist es noch ein weiter Weg. Was tun?

Ich hätte da ja einen Tipp: Keimsprossen! Und zwar keine schon fertig verpackten aus dem Supermarkt, sondern selbst gezogene! Nicht nur, dass diese Pflanzenbabies alle gesunden Inhaltsstoffe der ausgewachsenen Pflanze bereits in sich haben – es kommen sogar noch einige hinzu, die speziell für den Keim-Wachstumsvorgang wichtig sind. Im Keim stecken also gewissermaßen die Vitalstoffe der ganzen Pflanze mit einem zusätzlichen Plus. Und es kommt noch hinzu, dass zehn Brokkolikeimlinge schneller und leichter zu essen sind als zehn Brokkoli, jetzt nur mal als Beispiel. Abgesehen davon ist die Sprossenvariante natürlich auch unschlagbar viel preisgünstiger! Und viel leichter zu tragen…

Nun kenne ich einige – nebenbei: beneidenswert gesunde – Menschen, die das ganze Jahr über ihre Keimsprossen auf der Fensterbank ziehen und sie dauerhaft in ihren Speiseplan integriert haben. Das bewundere ich ja sehr, aber ich selber habe da eher einen saisonal abhängigen Appetit und denke erst an „Sprossen zum Gleichessen“, wenn es auch Zeit für das Vorziehen von Gemüse für Balkon und Garten ist. Das geht dann praktisch Hand in Hand, nur dass die einen Saatkörner in Anzuchterde auf der einen Fensterbank, ihre Kollegen im Keimgerät auf der anderen stehen.

Wobei ich darauf achte und es sich generell sehr empfiehlt, für die designierten Keimsprossen, die eben als solche verzehrt werden sollen, speziell dafür ausgewiesenes Keimsaatgut in Bioqualität im Fachhandel zu erstehen, also im Bioladen des Vertrauens oder im entsprechenden Onlinefachhandel mit Biosiegel. Die Vielfalt des Angebots an Keimsprossen übertrifft das, was sich als Nutzpflanzen im Garten anbauen oder im Verkauf finden lässt, bei weitem; auch Getreide-, Hülsenfrucht- und andere Sprossenarten wie Alfalfa, Bockshornklee und Sesam gehören dazu. Der Speisezettel erweitert sich also mit sehr wenig Aufwand erheblich. Und, wie gesagt, sehr kostengünstig ist der Sprossenanbau auch noch.

Ein weiterer Vorteil beim Bezug ausgewiesener Keimsprossensaaten besteht übrigens darin, dass auf der jeweiligen Packung die Keimdauer und weitere Besonderheiten verzeichnet sind. Manche Keimsprossen sollten vor dem Verzehr nämlich zwei Minuten blanchiert werden, um die pflanzeneigenen Toxine unschädlich zu machen. Welche, lernt sich im Lauf der Zeit, aber es ist immer gut, wenn man solche Infos auf der Packung nachlesen kann, nicht wahr?

Kommen wir zur Praxis: was braucht man für die Sprossenzucht? Nichts weiter als ein Keimgerät – und natürlich Wasser. Und mit „Keimgerät“ ist keine spezielle Küchenmaschine gemeint, auch wenn es sich vielleicht so lesen mag. Im Grunde kann man tatsächlich Schraubgläser mit perforierten Deckeln verwenden, das geht auch, ist nur fürs Wässern etwas umständlicher. Im Handel gibt es sowohl einzelne Keimgläser für jeweils eine Sorte Sprossen als auch „Sprossentürme“ mit mehreren Etagen übereinander. Von letzteren existieren mehrere Varianten, die sich nicht im Prinzip, aber in den Materialien unterscheiden: Acrylglas zum Beispiel, durchsichtiges Plastik oder Ton. Wenn man mehrere Sorten Sprossen zugleich oder in schneller Abfolge ziehen will, hat ein Sprossenturm den Vorteil, dass man alle Etagen des Turms zugleich wässern kann; das Wasser fließt durch Siebböden von einem Stockwerk ins nächste und wird ganz unten von einer „Kellerschale“ aufgefangen. Das erspart viel Zeit; einzelne Gläser müssen nämlich auch einzeln gewässert werden.

In den durchsichtigen Sprossentürmen kann man den Keimlingen direkt beim Wachsen zusehen, beim Tonturm gibt es jeden Tag so eine Art Überraschungseffekt, wenn man die Schalen beim Wässern  neugierig auseinandernimmt und sieht, wie sehr die Keimlinge seit dem Vortag schon wieder gewachsen sind. Ich selbst besitze und benutze einen Keimturm aus Ton; der Ton speichert Feuchtigkeit, ohne dass die Keimlinge direkt damit in Berührung sind. Das gibt so eine Art simuliertes Erdreichklima, und das heißt, dass ich das Wässern auch einmal vergessen kann, ohne das die wertvollen Sprossen austrocknen. Dafür muss ich aber den Deckel abnehmen, wenn die Keimlinge Chlorophyll bilden und grün werden sollen, dazu brauchen sie nämlich Licht, was sie in den durchsichtigen Türmen ja quasi durch die Wände bekommen. Meine Lieblingssorte Alfalfa mit ihren ganz zarten, fast fadendünnen Sprossen zum Beispiel ist erst dann verzehrfertig, wenn ihre kleinen Blättchen am Keimende richtig schön grün aussehen. Überhaupt, was ich am Sprossenziehen in der eigenen Küche am meisten liebe, ist das Gefühl, der Natur direkt in ihre Pflanzenkinderstube schauen zu können. Und natürlich auch, dass ich nicht Wochen und Monate auf ein „Ergebnis“ warten muss, sondern nur ein paar Tage. Das sind dann so die Frühlingsgefühle einer Gärtnerin…

Soweit zu meinem Frühlingskraftfutter – und sollte ich Sie, liebe Lesende, jetzt neugierig gemacht haben, schauen Sie gern weiter im Netz, unter dem Stichwort „Keimsprossenanzucht“ finden Sie jede Menge Links zum Thema.

Und ich erzähle Ihnen in meinem nächsten Beitrag, wie ich meine Sprossen am liebsten esse. Mit Rezept, versprochen!