Jetzt ist es wirklich Winter, und Sonnenschein wird zu einem besonderen Geschenk. Leider auch zu einem besonders kurzen, weil zwischen Auf- und Untergang ja kaum mehr wirklich Zeit ist. Darum ist es das Allerklügste, sich, sobald die Sonne sich zeigt, Jacke, Winterstiefel und Handschuhe anzuziehen und nach draußen zu laufen, um möglichst viele der wertvollen Sonnenstrahlen einzufangen.

Wer weiß, ob es sie morgen wieder gibt? Schließlich geht es ja auch darum, die Vitamin-D-Produktion in unseren Körpern anzukurbeln; gerade im Winter werden wir in diesen Breitengraden sowohl mit der Sonne als auch mit dem Vitamin unterversorgt, das eigentlich gar keines ist, sondern in seiner vom Sonnenlicht aktivierten Form Calcitriol heißt und zu den Hormonen gezählt wird. Das sorgt unter anderem für die Bildung und Reifung von Knochenstammzellen. Und unterstützt die Bildung von Abwehrzellen im Immunsystem, von dem niemand behaupten kann, dass es gerade im Winter nicht äußerst notwendig wäre.

Aber obwohl das Bad in der Wintersonne eigentlich schon aus diesen medizinischen Gründen ein Muss ist, mal ganz abgesehen von seiner  Wirkung auf unsere Laune, gibt es leider Gründe, die uns davon abhalten, uns diesem Genuss hinzugeben. Wie zum Beispiel, dass wir an Arbeitsplätzen sitzen oder stehen, die wir nicht mal eben nach draußen ins Echtlicht mitnehmen können; schließlich kann nicht jede Arbeit am Laptop stattfinden, auch wenn Zeitgeist und Werbung das manchmal zu suggerieren scheinen. Und so schauen viele vielleicht von drinnen sehnsüchtig auf die Sonnenstrahlen, warten auf die Mittagspause und hoffen, dass die Sonne dann noch nicht wieder hinter Wolken verschwunden ist, und grämen sich, weil es zum Feierabend längst wieder stockdunkel sein wird.

Aber auch bei denen von uns, die die Sonne im eigenen Heim und bei freier Zeit erwischt, gibt es Gründe, nicht ins Freie zu stürzen. Und seltsamerweise liegen die oft im Sonnenschein selbst. Der fällt nämlich zu dieser Jahreszeit sehr schräg, und er fällt in der Wohnung anscheinend am liebsten auf – Staub. Es ist ja nicht zu fassen, wo und in welchen Mengen der auf einmal zum Vorschein kommt und einem frech entgegenglitzert! Auch wenn man schwören könnte, doch seine übliche Haushaltsroutine gar nicht vernachlässigt zu haben – die Wintersonne schafft es, auch noch das frischeste und harmloseste Staubschichtchen in ein Miniaturabbild der Wüste Sahara zu verwandeln. Oder, jahreszeitlich angemessener ausgedrückt, in eine üppige Puderzuckerschicht auf und unter dem Mobiliar, als wär´s ein Christstollen. Da stark zu bleiben und nicht sofort entsetzt nach Staubtuch und Besen zu greifen, sondern sich mit fröhlicher Ignoranz ins Freie zu stürzen, fällt schwer.

In solchen Fällen, habe ich gelernt, ist es das Beste, in – möglichst kurze – Verhandlungen mit der Hausfrau in mir zu treten und ihr klar zu machen, dass, egal wie entsetzt sie sein mag, ich höchstens zu einer kurzen Fegerunde oder einem Fünfminuten-Staubwischen über die wüstesten Dünen bereit bin, aber ihre schrillen Rufe nach Grundreinigung bei mir auf taube Ohren stoßen. Das ist ein Kompromiss, mit dem wir beide leben können, meine innere Hausfrau und ich. Und so kann ich mit leichterem Herzen den Sonnenschein da genießen, wo ich ihn gerade im Winter am allerliebsten hinfallen sehe: auf mich.