Der Begriff „sprechende Medizin“ geistert seit einiger Zeit durch die Medien und beschreibt scheinbar eine ganz neue Methode. Tatsächlich geht sie zurück bis auf den Philosophen Sokrates.

Dieser Begriff der „sprechenden Medizin“ geistert seit einiger Zeit durch sämtliche Medien, ist scheinbar eine neue Methode, aber doch eigentlich etwas ganz altes, denn sie geht weit zurück bis auf den Philosophen Sokrates, der von „heilenden Worten“ als wichtigen Anteil der Patientenbehandlung sprach.

Die Gesundheitsministerin unseres Bundeslandes NRW forderte kürzlich, diesen Anteil stärker zu berücksichtigen, da es immer weniger Ärzte gibt, die sich genug Zeit nehmen für das beruhigende oder das aufklärende Gespräch. Kunststück, denn jede Praxis ist bekanntlich auch ein kleines Wirtschaftsunternehmen, die Honorare sind stark auf den „Fall“ begrenzt, der Mensch als Ganzes scheint da immer häufiger nicht ganz hineinzupassen.

Und doch gibt es sie nach wie vor, die Ärzte, die sich Zeit nehmen, wie der Hausarzt meiner Mutter, der sämtliche Damen und Herren der Seniorenresidenz fürsorglich behandelt und sich auch zu Hausbesuchen einfindet, die vielleicht nicht immer vonnöten zu sein scheinen. Man kann so ein Verhalten nicht erwarten, schon gar nicht einklagen, hinter den meisten Ärzten steht eine Familie, die oft genug verzichten muss auf gemeinsam verbrachte Zeit. Tritt man allerdings einen Schritt zurück und betrachtet die Situation aus einer langfristigeren Perspektive, ergibt sich nicht selten das Bild einer besseren Genesung, die Häufigkeit der Arztbesuche nehmen bei einigen Patienten ab, die Lebenszufriedenheit steigt.

„Sprechen hilft“, „Wer redet, dem kann geholfen werden“, diese Sätze höre ich täglich im Kontakt mit Menschen, im Aufzug, in der Straßenbahn, an der Kasse im Supermarkt; eigentlich fast immer, wenn ein etwas knötteriger Zeitgenosse drucksend mit einem Gut hinter dem prall gefüllten Einkaufswagen des sich vor ihm befindenden Kunden auf der Stelle tritt. Studien des menschlichen Miteinanders könnte man daraus ableiten, aber eines ganz sicher :“Wer redet, dem kann geholfen werden“. Gewürzt mit einem Lächeln, führt eine nett vorgetragene Bitte fast immer schneller ans Ziel.

Es geht nicht darum, der einen Art von Medizin das Wort zu reden, es wird weiterhin Kontroversen zu Verfahrensweisen und verschiedenen Medikamenten geben, aber sicher ist, dass die Heilung durch eine persönliche Ansprache und Aufmerksamkeit dem Patienten gegenüber positiv beeinflusst wird.

In diesem Sinne finde ich es sehr gut, wenn sich Gesundheitsministerien das Verhältnis „Arzt – Patient“ auf die Agenda schreiben, noch besser wäre es, wenn dieser Punkt von geduldigem Papier sich auch auf  Honorarberechnungen auswirken würde, damit jeder Arzt sich die Zeit nehmen kann, die nötig ist, auf seinen Patienten einzugehen.

Der so gelobte Hausarzt meiner Mutter und der anderen Senioren, die in der Einrichtung leben, geht in den nächsten Monaten in den wohlverdienten Ruhestand. Ich hoffe mit den älteren Herrschaften, dass sie einen genauso engagierten Arzt, engagierte Ärztin finden werden.