Anfang des Jahres war ich zur Kur an der Nordsee. Neben leichter körperlicher Betätigung wie Nordic Walking am Strand gab es auch Therapieangebote für den Geist. Eine dieser Stunden beschäftigte sich mit der Frage, wie man selbst zu Hause und im normalen Umfeld den guten Weg zu mehr Entspannung nicht verlassen muss, sondern konsequent weitergehen kann. Die Therapeutin stellte dazu beiläufig eine Frage an die Gruppe, die ausschließlich aus Frauen mit Kindern bestand. Ob wir uns an die Sicherheitsbelehrung am Anfang eines jeden Fluges erinnerten. Denn da heiße es : „Bei einem Druckabfall in der Kabine fallen automatisch Sauerstoffmasken aus der Decke.“ Und wie nun, fragte sie, gehe dieser Satz weiter? Eine Teilnehmerin wusste das sofort und antwortete: „Ziehen Sie diese Maske über Mund und Nase. Erst dann helfen Sie Kindern und anderen Mitreisenden.“ Und wer von uns, fragte die Therapeutin, würde im Ernstfall genauso handeln? Sich erst um sich selbst kümmern, dann um die Kinder? Von geschätzten zwanzig Personen meldete sich – eine. Das machte unsere Gruppenleiterin sehr zornig. Wie, fragte sie, wie bitte wollt ihr Euch erst um andere kümmern, wenn Euch doch selbst die Luft zum Atmen fehlt?

Für mich war diese Stunde ein Aha-Erlebnis. Genauso wie viele andere Mütter neige ich im Grundsatz dazu, es allen Recht machen zu wollen, den Familienmitgliedern möglichst viel vorzubereiten oder gar ganz abzunehmen. Organisation war schon seit jeher mein Themengebiet und viele andere kamen im Laufe der Zeit hinzu. Abgerundet wird dieses Chaos von meiner Berufstätigkeit und dem eigenen starken Wunsch nach körperlicher Fitness und Wohlbefinden. Sich aber immer nur als Dienstleister anderer zu sehen und die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen, führt geradewegs in Frust, Erschöpfung und zuletzt in Krankheit. Dabei kann es so einfach sein. Zum ersten, nur die eigenen Grundbedürfnisse erfüllen. Regelmäßig schlafen, regelmäßig essen, regelmäßig trinken. Im zweiten Schritt, Auszeiten für sich selbst finden. Einfach mal eine Aufgabe auf der To-do-Liste hintanstellen und dafür zum Fitness, danach in die Sauna und noch ein Stündchen im Ruheraum schlafen gehen. Ein Buch lesen, obwohl eigentlich der Fensterputz wartet. Und ganz wichtig: Nein sagen. Auch den eigenen Kindern Wünsche abschlagen, für Freunde nicht jederzeit kompromisslos alles tun zu wollen. Ich hab’s probiert seit Jahresanfang. Es hat dazu geführt, dass die Kinder selbstständiger sind, weil sie nun auch mehr erledigen müssen. Sie mögen mich trotzdem, auch wenn ich nicht sofort für alle ihre Anliegen alles stehen und liegen lasse. Und Freunde habe ich auch noch. Nicht weniger als vorher. Es geht also. Selbstfürsorge bedeutet, für sich selbst immer an erster Stelle zu stehen. Sich den Freiraum zuzugestehen für Dinge, die glücklich machen. Das kann für jeden etwas anderes sein. Für mich bedeutet es: Zeit für Sport, Zeit für Entspannung und auch mal ganz alleine etwas zu unternehmen. Egoistisch sein. Zum eigenen Wohl.