Darauf hatte ich mich schon gefreut: den Aroniastrauch abzuernten, der meiner Hütte zur Seite steht, inzwischen auch sein Jungpflanzendasein hinter sich gelassen hat und dieses Jahr zunächst voller Blüten, dann voller Früchte saß, wie es sich gehört. Was, Sie kennen Aronia nicht? Nie gehört? Oh, Verzeihung:

Die Aronia, mit vollem Namen „Aronia Melanocarpa“, hierzulande gelegentlich auch Apfelbeere, genannte Pflanze stammt in ihrer Wildform aus dem östlichen Nordamerika; erst Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte sie nach Russland, wo der Biologe und Obstzüchter Iwan Mitschurin sie 1910 in die Finger bekam und veredelte. Ob er wohl wusste, was für einen Schatz er da bekommen hatte? Sicherlich, denn seither sind die Früchte des Aroniastrauchs in Russland, Polen und etlichen anderen östlichen Ländern als Heilpflanze bekannt und beliebt, und das aus guten Gründen.

Bei uns jedoch kam sie erst in den letzten Jahren gewissermaßen zu Ruhm und Ehren, als Forscher ihre Inhaltsstoffe näher untersuchten und entdeckten, wie reich die Aroniabeere an Antioxidantien und Vitalstoffen ist. Die Beere ist also ein richtiges Superfood, wie man heutzutage so schön sagt 🙂

Ich will ehrlich sein: von alledem wusste ich auch noch nichts, als ich den kleinen Aroniastrauch vor ein paar Jahren geschenkt bekam. Noch nicht einmal in meinen Kräuter-und-Heilpflanzenbüchern stand etwas zu dieser Pflanze! Ich hatte nur mal so nebenbei gehört, dass man mit Aroniasaft sogar Stahl färben könnte – aber da ich bisher noch nie in die Verlegenheit gekommen war, Stahl färben zu müssen, parkte ich die Information innerlich unter „unnützes Wissen“, und gut. Erst als „meine“ Aroniabeeren mehr und mehr in den Regalen der Naturkostläden und Drogerien auftauchten und die ersten Fruchtsäfte mit Aroniasaftbeigabe beworben wurden, fing ich an, meinen Strauch mit den hübschen Blüten und den kleinen schwarzen Beeren mit anderen Augen zu sehen. Und war froh, dass ich doch schon hier und da mal ein paar von den Beeren im Vorbeigehen genascht hatte. Zum Glück wirken Inhaltsstoffe ja auch, wenn man gar nicht weiß, dass sie drin sind!

Wie die Beeren schmecken? Zunächst einmal sind sie etwas zum Kauen, sie haben nämlich eine ziemlich starke Schale und innen kleine Kerngehäuse. Der Geschmack ist eher säuerlich-herb, erst wenn sie wirklich reif sind und genug Sonne getankt haben, werden sie süßer, darum lässt man sie auch gern so lange ungeerntet, wie es geht. Ernten kann man sie von Mitte August bis Oktober, aber wie gesagt: je später, desto süßer. Und da im August und September ja sowieso jede Menge anderer Arbeiten und Ernten anfallen, passt das „später“ auch besser in den gärtnerischen Plan. Also, theoretisch…

In der Praxis stand ich aber Mitte September vor einem Strauch, an dem keine einzige Aroniabeere mehr zu finden war. Keine einzige!! Nirgends!! Ich war fassungslos – was für eine Frechheit! Da musste doch tatsächlich jemand über meinen Zaun gestiegen sein, der dreist genug war, meinen schönen Strauch voller Beeren bis zur allerletzten zu plündern! Sofort erwachte die Tatortermittlerin in mir, schließlich habe ich schon genügend Krimis gesehen und weiß, wie man das macht: es gibt nur eine Stelle, an der man ohne große Schwierigkeiten über den Zaun steigen kann und nicht in Stachelbeersträuchern landet, sondern in reine Gartenerde tritt. Und das gibt Fußspuren!

Aber soviel ich auch suchte: da waren keine. Nirgends. Auch die Stachelbeersträucher standen unbeschadet und ohne geknickten Zweig . Wie also war der Täter in meinen Garten gekommen, und wie hatte er es geschafft, auch nirgends sonst Spuren zu hinterlassen, nicht einmal um den Strauch selbst herum? Und das hätte er ja müssen, um wirklich jede einzelne Beere zu finden und zu pflücken. Rätselhaft! Nicht die mindeste Spur zu hinterlassen in der gesamten Botanik drumherum und in der weichen Erde, das hätte er nur schaffen können, wenn – er geflogen wäre. Geflogen?

Und da dämmerte es mir: die Vögel waren es, die meinen Aroniastrauch leergeräubert hatten! Wir haben ja jede Menge davon in der Kolonie, hauptsächlich Amseln, aber auch etliche andere Arten. Und natürlich haben die es weit leichter, auch den verstecktesten Beerenstand zu finden und zu plündern… Die Theorie erschien mir schlüssig, auch ohne unterstützende Indizien. Bestätigt wurde sie dann durch andere Gärtner im Internet, die diese Erfahrungen schon in vorherigen Jahren gesammelt hatten und daher wussten: Amseln sind verrückt nach Aroniabeeren! Kluge Amseln.

Jetzt tröste ich mich mit dem Wissen, dass zumindest meine gefiederten Gartenbewohner mit gestärkter Gesundheit in den Winter gehen werden. Und ich kaufe dann halt doch Aroniabeeren getrocknet im Naturkostladen.