Kaum dreht man sich um, ist schon wieder Herbst. Und Herbst heißt: Apfelzeit!! Wenn man wie ich in seinem Garten gleich drei Apfelbäume stehen hat, kriegt man das nicht nur mit, sondern geradezu um die Ohren gehauen. Denn als erstes sortieren die Apfelbäume alles an Äpfeln und Äpfelchen aus, die aus Gründen, die nur die Natur kennt, schon vor dem Reifen aussortiert werden, und die fallen quasi überall hin: auf die Beete, auf die Wege, auf den Rasen. Apfelzeit heißt also zunächst mal Bück- und Sammelzeit, und das nicht für den eigenen Genuss, sondern für einen immer größer werdenden Haufen an ungenießbarem Noch-nicht-wirklich-Obst. Die Wespen freuen sich über diese riesige Spende und holen ihre Verwandtschaft nach. Und ich wundere mich immer wieder, wie sehr Gärtnern doch abhärtet, vor allem auch die Nerven: Wenn man so ziemlich jeden Herbst damit verbringt, angegammelte Äpfel aufzusammeln, hat man nicht mehr die Zeit und die Energie, sich über Wespengeschwader aufzuregen. Die sind dann einfach auch da, man toleriert sich sozusagen gegenseitig, jede Spezies mit ihren eigenen Interessen. Und selbst wenn ich Äpfel aus dem Gras pule, die von drei Wespen gleichzeitig benagt werden, machen sie keine Anstalten, mich stechen zu wollen, paradiesische Zustände beinahe.

Die erste Apfelsorte bei mir, die reif wird, ist der Klarapfel, auch Augustapfel und in manchen Gegenden Weizenapfel genannt.
Ursprünglich soll er aus Riga stammen, von dort wurde er nach Frankreich geliefert und über diesen Weg in ganz Europa verbreitet. So kommt diese Sorte in vielen alten Obstgärten vor, auch in unserer Kleingartenkolonie. Seine Erntezeit ist Ende Juli bis August, da fallen die einheitlich blassgrünen rundlichen Früchte in Massen von den Bäumen.

Blöd nur, dass man sie eigentlich im Fallen fangen müsste, denn wenn die Äpfel erst einmal den Boden berührt haben, womöglich noch unsanft, werden sie in Windeseile mehlig und verrotten schneller, als man sie aufsammeln kann. Solange sie aber noch fest am Ast hängen, sind sie noch nicht reif. Ich finde ja, man hätte sie gut und gern in „Sekundenäpfel“ umbenennen können! Aber die Wespen freut es.

Lagern lassen sich Klaräpfel also nicht, aber wofür sie wirklich grandios geeignet sind, habe ich von meinen Mitgärtnern gelernt: Apfelmus! Ich muss gestehen, der Klarapfelbaum war für mich jahrelang eher ein Ärgernis gewesen, auch weil ich mit seinem Timing, mit Äpfel gerade dann um sich zu schmeißen, wenn ich noch x andere Dinge zu erledigen und eigentlich gar nicht die Zeit zum Äpfelverarbeiten hatte. Und so war ich eher froh gewesen, dass meine Mitgärtner bei mir Schlange standen, um sich die Augustäpfel vom Boden oder auch von den unteren Zweigen zu holen. Die aber hatten mich heimlich für verrückt erklärt, dass ich dieses wunderbare Obst so bereitwillig zum Plündern freigab – bis mir eine mitfühlende Dame aus der Kolonie das Geheimnis verriet, und das war eben: Apfelmus. Kaum eine Apfelsorte eignet sich derart gut für dessen Produktion wie der Klarapfel, aber das muss man wissen, und vor allem auch: probiert haben! Er zerfällt im Topf bei geringer Hitze schnell und liefert ein feines, frisches, leicht säuerliches Aroma, das mit etwas Zitronensaft noch besser zur Geltung kommt. Da lohnt es sich dann doch, nach gerade heruntergefallenen oder gerade fallen wollenden Äpfeln zu fahnden, bei dem Ergebnis!

Und so bringe ich zur Zeit von jedem Besuch im Garten einige gerade erst sanft vom Baum gelandete Äpfel mit nach Haus, und inzwischen habe ich auch den Bogen `raus, „mal eben“ aus denen ein, zwei Gläser Mus zu fabrizieren: Äpfel schälen und entkernen, ohne Zusatz von Wasser (oder wenn, dann nur wenig) in den Topf geben und bei mittlerer Hitze und sanftem Rühren alle paar Minuten zu Mus zerfallen lassen. Derweil wasche ich Twist-Off-Gläser, die bei mir in gesammelten Mengen herumstehe, und sterilisiere sie in meinem Mini-Backofen: fünfzehn Minuten bei 150 Grad. Die Deckel koche ich in Wasser und wische sie mit etwas Wodka auf Küchenkrepp sicherheitshalber noch mal innen aus, bevor ich sie auf den mit heißem Mus zu drei Vierteln gefüllten Gläsern festschraube. Die werden dann erst einmal auf den Kopf und erst nach dem Abkühlen wieder richtig herum gestellt.

Natürlich kann ich so nur einen kleinen Teil der Klarapfelschwemme verarbeiten, aber das eben „im laufenden Betrieb“ und nicht in einer riesigen Einmachorgie. Und jede Fuhre kann ich einzeln würzen: zwei Gläser mit Ingwer, zwei mit arabischem Kaffeegewürz, zwei mit „nur Zitrone“. Und weil ich beim Muskochen so viel genascht habe, werden die auch bis zum Winter überleben – habe ich mir jedenfalls vorgenommen!