So, liebe Leserinnen und Leser, nach meinem Ausflug ins Wasser stehe ich jetzt wieder mit beiden Beinen an Land – oder heißt es „auf dem Land“? Die Gartensaison hat nämlich wieder angefangen, und weil es dieses Jahr keinen Schnee gab, der erst einmal wegschmelzen musste, hatte ich auch gleich von vornherein einen guten Blick auf all das Grüne, das sich mit den ersten warmen Sonnenstrahlen blicken ließ.

Das heißt, so manches Gemüse hatte auch einfach ungeerntet den Winter überstanden, mein Mangold zum Beispiel. Der war und ist auch nicht mal einfach nur grün, sondern eine Saatgutmischung aus mehreren Farben: gelbe Stengel, grüne Blätter, pinkfarbene Stengel, rote Blätter, dunkelrote Stengel, grüne Blätter… und die „normale“ Variante mit weißen Stengeln und grünem Blatt. Sah einfach toll aus über den Winter, eine Art Disco-Deko für die sonst ja kargen Beete, kann ich jedem empfehlen – ich fand es übrigens auch nicht schwer, den Mangold stehen zu lassen, ich hatte wirklich reichlich gepflanzt, und Mangold generell gehört nicht wirklich zu meinen Leib- und Magenpflanzen, sozusagen. Der hat einen sehr starken und erdigen Geschmack, muss man mögen und richtig kombinieren – und irgendwann ist bei mir dann auch gut, mangoldmäßig. Danach habe ich mich sehr viel lieber an der Optik erfreut, und den Winterspaziergängern in der Kleingartenkolonie war es ähnlich gegangen, wie sie mir im Vorfrühling anvertrauten.

Aber eines meiner echten Lieblingsgemüse und dazu noch ein reines „Saisonprodukt“ hatte ich über den Winter völlig vergessen – kein Wunder, der zieht sich ja auch nach seinem spektakulären Frühlingsauftritt wieder in die Unsichtbarkeit zurück: der Bärlauch! Und kein Wunder, dass ich den vergessen hatte, den habe ich nämlich überhaupt erst seit vorigem Jahr im Garten! Zuvor musste ich, wie viele Städter und Nichtgärtner eben auch, wie ein Luchs aufpassen, um während der frühen Saison immer mal ein paar mit Gummiband zusammengehaltene Blätter beim Gemüsehändler meines Vertrauens zu ergattern. Vielleicht erinnern Sie sich noch? Bärlauch war ja eine von diesen Pflanzen, die shooting-star-mäßig binnen kürzester Zeit von „Kennt kein Mensch“ zu „Muss überall `rein!“ aufsteigen. Das ist jetzt ein paar Jahre her; ich weiß noch, wie ich von einem meiner auswärtigen Gärtnerfreunde damals quasi unter dem Siegel der Verschwiegenheit das erste Blatt gereicht bekam und erstaunt kaute. Und wie sich die ersten Gourmets in die Wälder aufmachten, um wildwachsenden Bärlauch zu suchen – nicht ohne gewarnt zu werden, weil die Blätter des Bärlauch ja denen von Maiglöckchen ziemlich ähnlich sehen. Und Maiglöckchen sind giftig. Da konnte sich das botanisch unkundige Volk ganz schön vertun, weshalb sich mit dem Beginn des allgemeinen Bärlauchjiepers auch jedes ernstzunehmende Presseorgan dieses Umstandes annahm und ausführliche Beschreibungen und Warnungen abdruckte. So ähnlich also wie im Herbst zur Pilzschwemme… und es muss auch genutzt haben, denn ich habe in all der Zeit nie davon gehört, dass sich jemand gesundheitsgefährdend geirrt und Maiglöckchen statt Bärlauch zu sich genommen hätte.

Wie auch immer, wer einen Garten hat wie ich, kommt nicht wirklich dazu, in Wäldern herumzustromern und nach wildwachsendem Bärlauch zu suchen, schon gar nicht im Frühling. Und deshalb, und weil eben der frische Bärlauch auch in den Gemüseläden nicht so üppig anzutreffen und im Übrigen heiß begehrt war, habe ich jahrelang davon geträumt, eigenen Bärlauch in meinem Garten zu haben. Aber nicht nur davon geträumt, sondern auch davon geredet! Zum Glück! Denn rein zufällig geriet ich voriges Jahr in einen Kleiderflohmarkt mit Kaffee- und Kuchenbuffet, und über einem Stück Kuchen ins Gespräch mit einer sehr interessanten Frau, die sich gerade überlegte, ob sie die Bluse im floralen Design, die sie gerade anprobiert hatte, kaufen sollte. Von floraler Bluse zu Garten ist ja thematisch ein Katzensprung, und wenn es schon um Garten geht, lässt sich auch Bärlauch ohne weiteres einflechten. Und das tat ich. „Bärlauch?“ meinte sie, „Davon habe ich im Garten so viel, der wächst bei mir überall! Komm´ vorbei und hol´ dir was ab!“

Sie hatte nicht gelogen. Unfassbare Mengen an Bärlauch wuchsen in ihrem Garten, überall, wo auch nur ein bisschen Platz war. Ich staunte Bauklötze. Sie griff zum Spaten und grub mir ein paar Schollen aus, die ich in meinem Fahrradkorb stapelte und später an verschiedenen bärlauchtauglichen Stellen in meinem Garten einpflanzte. Wie gesagt, das hatte ich über den Winter wieder völlig vergessen – aber neulich, bei einer ausführlichen Begehung meiner „wilderen Ecken“ im Garten, standen sie dann vor mir, die Bärlauchbüschel. Vor lauter Freude steckte ich mir das erste Blatt gleich so in den Mund. Ja, so fängt der Frühling an!

Rezepte? Brauch´ ich nicht. Ich bin wirklich ein Fan der frischen Blätter und der echten Bärlauchsaison, daher mache ich auch kein Pesto oder lege sie kleingeschnitten in Öl, wie es die machen, die ganzjährig einen Bärlauchvorrat haben wollen. Ich schneide die frischen Blätter in schmale Streifen und lege sie auf frisches gebuttertes Brot oder mische sie mit gekochter Pasta. Ganz einfach, ganz lecker! Und ganz bestimmt gesund.