Ute freut sich darauf, ihren Garten wieder zum Leben zu erwecken – doch der ist widerspenstig!

Ich muss es ja zugeben: dass es dieses Jahr endlich mal wieder keine Schneedecke gab, die den Garten bis Ende März vollständig einhüllt, war dann doch ungewohnt. Erfreulich, ja, aber ungewohnt.  Irritierend geradezu! Einerseits lockte das Wetter schon mit Temperaturen, die man für den Mai erhofft hätte, und lädt zu Aktivitäten ein, die eigentlich auch erst für später geplant sind, andererseits ist die Gärtnerin ja vernünftig und rechnet nicht damit, dass es so frostfrei und warm bleibt, hält sich also mit dem Säen und Pflanzen noch etwas zurück. Ach, schwierig, da zu entscheiden, was gerade am besten zu tun wäre… Der Frühling an sich hat diese Probleme aber nicht, der zieht sein Programm zügig durch. Und bald entdeckt die Gärtnerin, dass der Rasen, der pflegeleicht kurzgeschnitten durch den lauen Winter gekommen war, sich zu einer strähnigen Matte ausgewachsen hat.

Nun liegt der Garten meines Herzens ja, wie geneigte Leser vielleicht schon wissen, in einer Kleingartenkolonie, was unbestritten diverse Vorteile hat, aber auch einige Pflichten mit sich bringt. Was wachsendes Gras angeht, das sich ja nicht nur auf der dafür vorgesehen Fläche findet, sondern in verschiedenen unerwünschteren Varianten auch auf den Wegen zwischen oder sogar auf den Beeten, sind die Pflichten eindeutig: weg damit, bevor es Samen entwickelt! Und das geht verflixt schnell. Von den Träumen  einer ungebremst wuchernden Naturwiese muss sich die Gärtnerin verabschieden, denn die Grassamen fliegen mit dem Wind über die sorgsam entkrauteten Beete der Nachbargärtner und bilden darin schnell wunderschöne, aber sehr unwillkommene, manchmal erstaunlich breit und fest sitzende Büschel. Das kann den nachbarschaftlichen Kontakt schon arg belasten, zu Recht, wie ich feststellen durfte, als mein eigener Garten vom Wildwuchs aus dem gerade mal nicht besetzten Garten nebenan überwuchert wurde. Was für Mühen es  kostete, die Gräser wieder loszuwerden! Seitdem bin ich eine große Anhängerin präventiver Vorkehrungen.

Also, rechtzeitig Rasen mähen heißt die Devise! Aber womit? An der Rasenmäherei scheiden sich ja die Geister. Für viele meiner Mitgärtner, besonders die männlichen, muss es der leistungsstarke Benzinrasenmäher sein, der mit starkem Arm per Strippenzug angeworfen wird und die Potenz seines Motors laut durch die Gegend röhrt, während er den Mähenden mit einer Wolke Benzinduft umgibt. An manchen Tagen hört sich die Kolonie daher eher an wie der Nürburgring als wie ein Naherholungsgebiet. Fast kann man sich vorstellen, dass der Megamähmeister hinter dem Gefährt beim Boxenstopp an der Laube von einem eifrigen Sportreporter befragt wird, bevor er zur nächsten Runde aufbricht… Und ich erwähne jetzt noch nicht einmal den Aufsitzmäher, den sich der Vereinsvorsitzende zum Wohle des Vereins und auf dessen Kosten angeschafft hat und den niemand außer ihm fahren darf, dem Sebastian Vettel unserer Kolonie.

Man merkt, ich bin keine Freundin von benzinbetriebenen Rasenmähern. Und ich bin damit nicht allein, denn viele meiner Mitgärtnerinnen sehen (und hören) es ebenso. Im Gegenteil, ich singe, wann immer es möglich ist, Loblieder auf meinen Handrasenmäher, der von meiner eigenen geräusch- und emissionsarmen Energie betrieben wird, und dessen beruhigendes sanftes Scherenklappern sich in meinen Ohren nach echter Gartenmusik anhört. Kann tatsächlich den wunderbaren Duft frischgemähten Grases und nur den in meine Nasenlöcher ziehen . Muss mich außerdem nicht um Ruhezeiten und Sonn- und Feiertage scheren, sondern kann, wann immer mir oder dem Rasen danach  ist, den Mäher gemütlich darüberschieben, Maulwurfshügel schwungvoll umkurven und ihn elegant mit der Hand über Baumwurzeln und andere Hindernisse schwenken. Muss nicht nachschauen, ob noch genügend Sprit im Tank ist, und nicht lauschen, ob der Motor vielleicht irgendwelche ungewöhnlichen Geräusche macht, die auf einen potentiellen Schaden hindeuten. Muss keine Angst haben, dass ich unversehens über etwas gefahren bin, das in der komplexen Apparatur Schäden angerichtet haben könnte. Es ist nämlich nicht so, dass Benzinrasenmäher robust und permanent einsetzbar wären, oh nein! Unter ihren eindrucksvollen Gehäusen verbergen sich wahre Mimosen, und das falsche Steinchen am falschen Ort kann dazu führen, dass man mehr Zeit mit Reparaturen verbringt als mit dem Rasenmähen als solchem.

Ich weiß das, ich habe es versucht.

Seitdem kenne ich alle Ausreden, die meine Mitgärtner so aufwenden, um mir ihre Benziner nicht ausleihen zu müssen. Anscheinend habe ich mir inzwischen ungewollt den unehrenhaften – und unzutreffenden, ich schwöre! – Titel der Rasenmähermörderin erworben. Tatsache ist aber, dass ich es meistens nicht einmal schaffe, die Dinger überhaupt in Gang zu setzen. Und wenn der Mitgärtner, der doch noch so mutig war, mir seinen Liebling zu leihen, ihn mir erst anwerfen und dann zwei- bis dreimal zurückkommen muss, weil mir der Mäher abgesoffen ist und ich verzweifelt und vergebens an der Strippe ziehe, lässt er sich beim nächsten Mal lieber auch eine Ausrede einfallen.

Ich gehe deshalb davon aus, dass die Abneigung zwischen mir und den Benzinern durchaus auf Gegenseitigkeit beruht.

Zu meinem tiefen Leidwesen aber ist der Erstschnitt im Frühjahr etwas, das mein Handrasenmäher und ich dann doch nicht aus eigener Kraft schaffen. Zumal, das muss ich gestehen, mein Rasen definitiv keiner ist, jedenfalls nicht, wenn man unter Rasen eine einheitlich mit Saat der Marke „Berliner Tiergarten“ bestückte fußballfeld- oder sogar golfplatztaugliche Fläche versteht. Mein Rasen besteht viel eher aus vielen verschiedenen grasartigen Pflanzen, die sich vor meiner Zeit im Garten angesiedelt haben, frühjahrs in verschieden Höhen und Stärken fröhlich wuchern und nur nach Schnitt so etwas wie eine Rasenfläche simulieren.

Ich werde also wohl in den sauren Apfel beißen und mir für diesen Erstschnitt doch einen Benziner leihen müssen.

Zum Glück gibt es wenigstens einen, mit dem ich inzwischen halbwegs zurechtzukommen gelernt habe, ein robustes Modell mit der Qualität der Guten Alten Zeit, das einem Gartenfreund von mir gehört, und das es mir nicht einmal übel nahm, als ich mit ihm einen Ziegelstein übermähte. Im Gegenteil, er zerschrappte den Stein, als wäre der ein größeres Stück Kreide – und hatte noch nicht mal eine Delle im Schneideblatt! Damit hat er sich meinen tiefe respektvolle Zuneigung redlich erworben. Und nach drei Jahren der Versuche springt inzwischen sogar der Motor an, wenn ich an der Strippe ziehe. Meistens jedenfalls.

Ich hoffe, dass er noch lebt, der Mäher.. Wünschen Sie mir Glück!