Also, ich will ja nicht meckern, aber der Frühling dieses Jahr…! Ok, das mag vielleicht auch an den Vergleichswerten des Winters liegen; wenn wir da fünfzehn Grad minus und dicke Schneedecke gehabt hätten, womöglich noch über mehrere Wochen, dann wären vier bis acht Grad plus und „wechselnd bewölkt, zeitweise sonnig“ schon eine enorme Verbesserung. Hatten wir aber nicht, sondern praktisch dasselbe Wetter wie jetzt, jedenfalls hier im Norden. Durchgehend sozusagen. Das Gute daran war, dass ich auch an mutmaßlichen Wintertagen im Garten arbeiten und lange vernachlässigte Ecken in Angriff nehmen konnte (und, hey! Noch im Dezember Frühfrühlingsblumen – nein, kein Tippfehler – pflanzen können ist auch nicht schlecht!). Das Miese: in die klamme Erde jetzt, die immer wieder von Nieselregen durchsuppt wird und daher nie trocknet, kann man guten Gewissens kein Saatgut legen. Sagen auch meine alten erfahrenen Mitgärtner und stehen, Hände in den Hosentaschen, untätig und ungnädig vor ihren Gartentoren, wie Streikposten. Da bin ich ja an sich ganz froh, dass ich meinen Garten nie so in Schuss habe wie die und daher wenigstens noch jede Menge Gelände zum Entkrauten, um mir damit meine gewohnte Frühjahrsbewegung zu verschaffen.

Als ich mich also mutig ins Hinterland meines Gartens begab, musste ich feststellen, dass sich der dort schon vor mir ansässig gewesene Giersch wieder ungestört ausgebreitet und als Zeichen seiner Präsenz überall seine kleinen grünen Fähnchen herausgehängt hatte wie ausgestreckte Zungen. Giersch, auch „Dreiblatt“ oder botanisch-lateinisch „Aegopodium podagraria“ genannt, ist eines von diesen bekannten „Du kriegst mich hier nie wieder weg!“- Unkräutern. Pardon: Wildkräutern. Der Giersch vermehrt sich durch unterirdische Rhizome und besiedelt in Windeseile dadurch größere Gebiete – vor allem die Gebiete natürlich, in denen die Gärtnerin nicht so häufig auftaucht. Was dann, wenn sie es doch tut, entweder rigide Maßnahmen erfordert – oder ein Ändern der Einstellung.

Die setzte bei mir erst ein, als ich den Giersch in voller Blüte sah, dann sieht der Giersch nämlich richtig hübsch aus und fast wie ein gewollt gepflanzter Bodendecker mit vielen vielen weißen zierlichen Blüten. Kann man so etwas brutal ausrupfen? Ich nicht!

Andererseits soll er mir ja auch nicht ganz über den Kopf wachsen. Was also tun? Die Lösung fand ich bei meinen Freunden aus der Permakultur-Bewegung: essen! Da der Giersch sich schon zeigt, lange bevor an kultiviertes Gemüse aus dem eigenen Garten überhaupt zu denken ist, und mit einem petersilienartigen Geschmack und einem hohen Gehalt an Vitamin C, Karotin und Eisen auch gute Gründe für seinen Verzehr mitbringt, werde ich ihn dieses Jahr einfach in meinen Speiseplan einbauen. Und schon sieht der Gierschteppich in meinem Garten für mich ganz anders aus: nicht mehr unerwünschtes Unkraut, sondern hochwertiges Frühgemüse.

Auf die Einstellung kommt es an!

Und natürlich habe ich mich auch schon nach Rezepten umgeschaut. Lisa aus dem Blog „Experiment Selbstversorgung“ macht Pesto aus ihm: dazu mischt sie kleingeschnittene Gierschblätter und -Blüten mit gehackten Walnüssen, Knoblauch, Salz und Pfeffer, füllt das Ganze in Gläser und gießt mit Olivenöl auf, bevor sie die Gläser fest verschließt. Kann man natürlich auch im Mixer pürieren, wenn einem das noch zu urwüchsig ist…und/oder etwas geriebenen Parmesan einarbeiten, den Lisa als Veganerin weggelassen hat. Ich werde das auf jeden Fall probieren!

Ein anderes Rezept, das ich gefunden habe, läuft unter dem Namen „Vitamin C-Limonade“: Man gibt zwei Handvoll Giersch und einen Zweig Pfefferminze in ein Gefäß, gießt mit einem Liter Apfelsaft auf und lässt das Ganze drei bis sechs Stunden stehen. Dann entfernt man das Grünzeug und gießt einen halben Liter sprudelndes Mineralwasser sowie den Saft einer Zitrone zum Saft.

Mit solchen Rezepten im Hinterkopf lässt sich Giersch wirklich mit anderen Augen sehen, oder? Einen schönen Frühling Ihnen!