Nein, damit meine ich jetzt mal nicht Spargel, der noch bis Mitte Juni Saison hat und einem natürlich als Erstes einfällt, denn wie jedes Jahr wird um die langen Stangen ein Riesenbohei gemacht, und neue Rezepte schießen aus dem Boden wie… Sie wissen schon. Und ich auch, ich lebe nämlich in einem Spargelanbaugebiet. Und das heißt frisch und regional, morgens gestochen, mittags gerochen sozusagen, und nicht aus dem Supermarkt, sondern vom Spargelbauern selbst, auf dem Wochenmarkt. Den kann man sich dort auch gleich maschinell schälen lassen, den weißen jedenfalls, mit dem grünen hat man ja weit weniger Arbeit. Jedenfalls, Spargelessen ist ein Muss, jedes auch nur halbwegs respektable Restaurant führt ihn hier auf separaten Speisekarten als Thema mit Variationen: mit Schinken, mit Steak, mit Rührei, mit zerlassener Butter oder Hollandaise – ich wundere mich ja immer wieder, wie bei den Zutaten Spargel schlank machen soll? Aber egal, das ist heute nicht Thema, und vor allem – Überraschung! – ist heute bei mir auch gar nicht Spargel das Thema!

Es gibt nämlich noch anderes Gemüse, das nur für kurze Zeit frisch zu haben und zu essen ist, und das mir selbst näher an Herz und Gaumen liegt als die berühmten Stengel: der Rhabarber. Auch, aber nicht nur, weil er in meinem Garten wächst. Es wird längst nicht so ein Wind um Rhabarber gemacht wie um Spargel, haben Sie das schon bemerkt? Obwohl er in den letzten Jahren doch ein bisschen mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist, vor allem als Saft, mit dem sich erfrischende Schorlen mischen lassen, genau richtig als Getränk für die ersten heißen Tage und lauen Abende.

Für mich ist Rhabarber der Beweis dafür, wie sich Geschmack im Älterwerden verändert. Als Kind hatte Rhabarber für mich ja gar keine Anziehungskraft, viel zu sauer, bäh! Selbst in Kuchen hatte er bei mir nichts zu suchen, nicht mal mit Schlagsahne. Kann ich mir jetzt gar nicht mehr vorstellen, jetzt esse ich ihn nämlich sehr gern, auch ohne Schlagsahne und sogar ohne Kuchen, einfach als Kompott! Und ja, Rhabarber ist wirklich ein Gemüse, kein Obst. „Rheum Rhabarberum“ heißt er auf Latein (klingt wie ein Zauberspruch, finden Sie nicht?), zählt zu den Knöterichgewächsen und ist, wen wundert´s, mit dem Sauerampfer verwandt. Man isst die Stangen, am besten gekocht, weil das die darin enthaltene Oxalsäure vermindert – das ist das, was beim Genuss von rohem Rhabarber die Zähne sich stumpf anfühlen lässt. Die Blätter sind eben wegen dieser Säure nicht essbar, aber willkommener Bestandteil im Gartenkompost. Ach, und was man noch wissen muss: je roter die Stangen, desto süßer sind sie. Eine besonders süße Sorte ist der noch relativ neue Himbeerrhabarber, dessen Stangen rot durchgefärbt sind. Das Schälen der Stangen braucht kein großes Können und erst recht keine Maschine: man kann die Schale einfach in Streifen abziehen. Und sollten Sie auch nach dem „nur für kurze Zeit!“ noch Rhabarber genießen wollen, lässt er sich gut einfrieren, blanchiert und in kleine Stücke geschnitten. Na gut, das ist jetzt nicht ganz im Sinne der Überschrift, aber diese Info wollte ich Ihnen auch nicht vorenthalten. Ebensowenig wie ein pfiffiges Rezept von meinem liebsten Foodblog, dem kleinen Kuriositätenladen; die gute Steph hat nämlich Rhabarberketchup „erfunden“. Einfach zu machen, extrem schmackhaft und für tausendundeine Gelegenheit zu verwenden, sogar zum Verschenken. Hier ist es:

Rhabarber-Tomaten-Ketchup

750 Gramm Himbeerrhabarber (wenn Sie den nicht kriegen sollten, einfach den rotesten nehmen) werden geschält und in Stücke geschnitten, 150 Gramm Zwiebeln gehäutet und gewürfelt, beides zusammen in Rapsöl angeschwitzt und mit 250 Gramm passierten Tomaten und 200 ml Rotweinessig abgelöscht. Dann kommen 200 bis 250 Gramm brauner Zucker hinzu, und, ganz wichtig: 3 Nelken, 2 Lorbeerblätter und ein Teelöffel gelbe Senfsaat. (Die Gewürze stecken Steph und ich in einen Teefilter und hängen den in den Sud, so dass wir später nicht nach ihnen fischen müssen.) Das Ganze wird nun mit schräg aufgelegtem Topfdeckel 45 Minuten auf mittlerer Hitze geköchelt, dann mit dem Pürierstab (vorher den Teefilter herausnehmen) zu sämigem Ketchup gemixt. Abgewürzt wird mit Salz, Pfeffer, eventuell ein paar Spritzern Zitrone oder Zitronenabrieb und, wenn Sie es ganz exklusiv haben wollen, 1/4 Teelöffel Piment d´Espelette. Jetzt wäre auch der Moment, nachzuzuckern, wenn nötig…Dann noch einmal bei geschlossenem Deckel aufkochen (Vorsicht, spritzt heftig!) und in zuvor sterilisierte Gläser oder  Flaschen füllen. Fertig!

Bis zum 24. Juni haben Sie noch Zeit dafür, dieses außergewöhnliche Ketchup nachzukochen, dann ist die Rhabarbersaison zuende. Also schnell loslegen, und guten Appetit!