Streiten Sie sich ?
Nein ? Dann tun Sie es doch wieder einmal.

Forscher wollen herausgefunden haben, dass Menschen, die streiten, gesünder sind. Gemeint ist hier nicht der notorische Nörgler, der mit grummeliger Mimik schon morgens im Fahrstuhl die Stimmung aller Mitfahrenden herunterzieht, oder es zumindest versucht – und noch böser wird, löst er damit womoglich ein Kichern unter den Fahrgästen aus…

Es geht um echte Diskussionen, es geht um Streitkultur. Das heißt, Themen, die uns mehr oder weniger alle bewegen, werden hin – und herbewegt, argumentativ, wobei der Geist sich mitbewegt. Um das Ganze noch effektiver zu gestalten, nehmen die Diskutanten zeitweilig die Haltung der anderen Partei ein, um sich ihren Standpunkt gewissermaßen einzuverleiben.

Von Debattierclubs in den amerikanischen Colleges und Universitäten haben die meisten sicherlich schon gehört, oder sie in Filmen angeschaut, in Deutschland gibt es dieses Einrichtungen noch nicht so häufig. Themen böten sich viele an. Vegetarismus, Diätenerhöhung, vielleicht ist es auch ratsam, mit Kontroversen zu beginnen, die zunächst nicht so viele Emotionen hochkochen lassen, um langsam diese berühmte Streitkultur entwickeln zu können. Regeln sind unerlässlich, auch das kann vor plötzlich aufbrechenden Wutattacken schützen. Aus der Kommunkationstheorie kennen wir diverse Ansätze, die es uns ermöglichen, unser Gegenüber nicht zu sehr mit seiner Meinung zu identifizieren; soll heißen, ihn nicht per sé als das Feindbild zu sehen, weil er oder sie die gegenteilige Meinung vertritt.

Mir gefällt die auf einen Satz reduzierte Regel „Ich bin o.k. – Du bist o.k.“. Aus der sogenannten Transaktionsanalyse entliehen,( für diejenigen, die weiterlesen wollen, von Thomas A. Harris, ein amerikanischer Psychologe und Arzt), werden wir auf einfach nachzuvollziehende Weise daran erinnert, dass wir Resultat unserer Erziehung, aber auch unserer Umwelt und Veranlagungen sind, und die sind nunmal, naturgegeben, sehr verschieden. Auf der Ebene, erstmal grundsätzlich davon auszugehen, dass mein Gegenüber genauso gern verstanden werden möchte, Zuspruch erhalten möchte, mit mir in Frieden auskommen möchte, also einfach „o.k.“ ist, fällt es uns häufig leichter, die andere Meinung verstehen zu können, auch, wenn wir sie nicht teilen.

In der Reha habe ich das noch einmal neu erleben dürfen, anhand von witzigen Kommunikationsübungen, bei denen Loriot mit seinen herrlichen kleinen Studien zum Zusammenleben der Menschen natürlich nicht fehlen durfte. Denken Sie an „…und morgen bringe ich sie um“, die Diskussion um das Frühstücksei. Wie soll man nach dem Gelächter, das nach dieser kleinen Geschichte ausbricht, die Dinge noch so tierisch ernstnehmen ? Ich erinnere mich da an eine Übung, während welcher wir Sätze vervollständigen sollten, jeweils vier verschiedene Antwortmöglichkeiten waren gegeben. Es ging um typische „Frühstücks-Ei-Situationen“. Viel lustiger, als die vorgegebenen Lösungen zu nutzen, fanden wir es in unserer Gruppe, phantasievolle Szenarien zu entwerfen, von romantischer Liebesszene bis zu „mafiösem Auftragsmord“; natürlich war allen klar, dass es nicht ganz dem Sinn der Aufgabenstellung entsprach, wie wir da kreativ unsere Lösungsstrategien entwarfen, aber unsere Gruppe war ungeschlagen in der Disziplin Humor, was sich über mehrere Tage hinzog und für neue Freundschaften sorgte.

Mir macht Streit heute gar nicht mehr so viel Angst, und tatsächlich endet er, sogar mit meinen Lieben, mit denen ich natürlich emotional nicht so abgegrenzt umgehen kann, häufig viel unbelasteter als früher.

Kommunikation, das ist nicht nur der smalltalk über das Wetter, über Dinge wirklich zu kommunizieren, die uns emotional betreffen, soll gesünder machen. Hat die Forschung festgestellt.

Streiten Sie sich. Und haben Sie Spaß dabei.