Sonntagfrüh unter der warmen Bettdecke fällt es mir manchmal schwer, mich zum Trainieren zu motivieren. Schließlich habe ich es verdient, mich nochmal umzudrehen und weiterzuschlafen. Und war die Woche nicht anstrengend genug, dass so ein Lauftraining jetzt auch mal ausfallen kann? Schließlich muss man doch auch mal alle vier gerade sein lassen.

Trotzdem blinzel ich in Richtung Fenster und lausche. Es sieht trüb aus und tröpfelt. Das Temperatur zeigt vier Grad. Ja, es war anstrengend diese Woche. Aber vielleicht wäre Bewegung viel besser als Rumliegen? Ich stelle mir das Gefühl vor, dass ich immer nach dem Training verspüre: eine Mischung aus Erschöpfung und großer Zufriedenheit. Na gut! Ich stehe auf, ziehe mich warm an und bin immer noch nicht ganz sicher. Aber jetzt wird nicht mehr kehrt gemacht. Noch ein Glas Wasser, Mütze auf, und dann trete ich durch die Haustür.

Sehr herbstlich sieht es aus. Überall buntes Laub, es ist trüb. Pulsuhr an. Ich laufe los. Mein Atem produziert kleine Dampfwolken. Die ersten Schritte fühlen sich noch unentschlossen an. Aber so langsam komme ich in meinen Lauf-Rhythmus. Und irgendwann übernimmt der Körper ganz. Trapp trapp trapp…Scheinbar ohne mein Zutun geht’s vorwärts. Und meine Gedanken fließen. Ich merke, wie der Stress der letzten Tage von mir abfällt. Stattdessen nehme ich die Natur wahr. Da, in der Ferne, die Berge sind heute nur ein Schleier im Grau. Rechts von mir das Feld, wo vor gefühlt nur wenigen Wochen das Getreide stand, ist jetzt voller Sonnenblumen, denen man die kalten Temperaturen der letzten Tage ansieht. Auf der anderen Seite sitzt ein Schwarm Saatkrähen und bedient sich an dem, was noch zu holen ist. Das Nieseln hat mittlerweile aufgehört. Die Frage, ob ich besser im Bett geblieben wäre, stellt sich nicht mehr. Es läuft wie von selbst, heute hänge ich noch eine Extrarunde dran. Nach acht Kilometern kommt mir der erste Laufkollege entgegen. Freundliches Nicken. Der hat es heute also auch gepackt. Den Kampf mit dem inneren Schweinehund gewonnen. Und damit den besten Start in den Tag geschafft, den es nur gibt. Hellwach bin ich mittlerweile und auf der Zielgeraden. Ein kurzer Endspurt, dann stehe ich wieder vor der Haustür. Beim Stretchen bemerke ich die kleinen Kondenströpfchen an meiner Laufhose. Ich dampfe. Die Muskeln fühlen sich angenehm ermüdet an. Mein Kopf ist frei. Der Stress weit weg. Nächsten Sonntag tue ich das wieder. Ganz bestimmt.