Unsere Autorin Gina bringt bei ihren „Mitsing“-Abenden unterschiedlichste Menschen zusammen.

Die ganze Welt singt. Oder zumindest kommt es mir so vor. Die Vögel singen anders, sie locken den Frühling, und dieses nach einer nicht starren, aber doch bewährten „Festivalordnung“. Es gibt auch unter den kleinen bunten Gesellen Frühaufsteher und Langschläfer, außerdem möchten die Vogelmännchen natürlich mit ihrem herrlichen Sologesang nicht im Orchester untergehen. Nach neuesten Erkenntnissen pfeifen übrigens auch die Weibchen ihr Liebeslied nicht minder virtuos, wenn sich die Herren Dompfaff und Star und die vielen anderen Sänger auch mehr verausgaben dabei als ihre weiblichen pendants.

Wir Stadtmenschen achten im allgemeinen ja nicht mehr so auf die Rhythmen der Natur. Die Sehnsucht nach Musik und heiterer Stimmung, in welcher sich unsere gefiederten Freunde scheinbar immer befinden im Frühling, ist aber nach wie vor vorhanden, meist bedienen wir sie aus der Konserve. Umso schöner, dass sich in den letzten Jahren vermehrt wieder Menschen zusammenfinden, um auch miteinander zu singen, nicht nur im Fußballstadion oder zu Karneval…

Seit gut einem halbem Jahr veranstalten wir, das heißt, eine bunte Truppe aus Musikern verschiedenen Alters und Stilrichtung, von Shantychor bishin zum Rock, Mitsingabende in unserer örtlichen Bibliothek, welche eine Bühne beherbergt. Wir nannten die Veranstaltung „Lagerfeuer“, um den Charakter des Miteinanders deutlich zu machen. Schon der erste Abend sprengte alle Vorstellungen, denn es kamen viel mehr Menschen als gedacht, und wir waren gezwungen, eng zusammen zu rücken, was den Abend nicht weniger schön werden ließ. Über einen Beamer, der die Songs auf eine Leinwand wirft,  können die Besucher jeden Text der dargebotenen Stücke mitsingen, vom alten Volkslied über die „Mundorgel“ zu Amy Whinehouse, gewagtes Experiment, welches zu aller Freude die Erwartungen erfüllte.

Unsere Weihnachtsveranstaltung, die weniger durch Tannengrün und anderen, dem Anlass gemäßen Schmuck, glänzte als durch stimmungsvolle Songs aus der ganzen Welt, musste gar in einen größeren Saal verlegt werden, wir alle schmetterten Seemannslieder vom einsamen Matrosen, der zu Weihnachten auf See seine Liebste schmerzlich vermisst, und zum Song „Hotel California“, nicht wirklich weihnachtlich, aber dafür mit umso mehr Inbrunst vorgetragen, vereinten sich sage und schreibe sechs Akkordeonisten auf der Bühne. Dieses wohlgemerkt, ohne jemals vorher miteinander geprobt zu haben.

Alte Damen flirteten mit unserem Gitarristen, der Polizeisprecher sang mit der Rockröhre, über alle Grenzen von Alter, politischer Gesinnung, sozialer Herkunft oder Religionszugehörigkeit hinweg.Wie gesund das Singen sowohl für den Körper als auch die Psyche ist, muss man nicht mehr explizit betonen, das Diaphragma, auch Zwerchfell genannt, wird spielerisch trainiert und die Atmung intensiviert, und manchem soll es geholfen haben,  Kummer für eine Weile zu vergessen. Kalorien verbraucht es zwar nur dann in messbarer Menge, wenn der Sänger, die Sängerin eine heiße Bühnenshow hinlegt, aber zumindest kann man in der Zeit, die man singend zubringt, nicht wahllos futtern. Scherz beiseite, das Miteinander zaubert noch den meisten Menschen ein Lächeln ins Gesicht, es kann so einfach sein.

In vielen Städten treffen sich mittlerweile hunderte von Begeisterten zum gemeinsamen Singen, ich kann  Ihnen nur wärmstens empfehlen, es selbst auszuprobieren. Ausreden wie „ich kann nicht singen“ werden nicht akzeptiert, in der Menge fällt es erstens nicht auf, und zweitens kann singen, wer sprechen kann, mit ein wenig Übung passt sich jedes Gebrumme dem allgemeinen Wohlklang an. Den naserümpfenden Lehrer haben wir noch bei keiner Veranstaltung gesichtet.Das Mitsingkonzert wird nun regelmäßig stattfinden, es sind für den Sommer auch Open – Air – Veranstaltungen geplant. Bisher nutzten wir als Deko ein künstliches „Lagerfeuer“, ich freue mich sehr darauf, wenn wir dann tatsächlich einmal eines entfachen können.