Gina und Freunde gehen wandern am Gardasee, entdecken die Landschaft und kulinarische Köstlichkeiten.

Gestern erhielt ich wie jedes Jahr eine Einladung zum Wandern in Italien oberhalb des Gardasees,

und wenn ich oberhalb des Gardasees sage, meine ich wirklich sehr oberhalb, allein der Gedanke an die zum Teil sehr steilen, unbefestigten Wege, lässt meinen Atem schneller gehen und ich meine schon, ich spürte die dünner werdende Luft in meinen Bronchien zirkulieren.

Natürlich wird jeder bergaffine Mensch nun leise schmunzeln, aber man mag gnädig mit mir sein als mittlerweile eingemeindetem Ruhrpottkind , welches alle paar Wochen einmal mit den Walkingstöcken den Anstieg zum Tetraeder in Bottrop nimmt.

Ganz anders Marianne, meine gute, alte Freundin, nunmehr fünfundsiebzig Jahre alt und fit wie ein Turnschuh, im wahrsten Sinne des Wortes. Vor einigen Jahren bereiste sie allein mit dem Wohnmobil Afrika, um ein Buch über Frauen in den verschiedensten Kulturen zu schreiben, einmal im Jahr geht es mit Tochter, Fahrrad und Zelt durch ganz Deutschland, die Wanderungen in Italien sind für sie nur nette kleine Erholungstouren.

Seit vielen Jahren besitzt sie mit ihrem Mann und einer befreundeten Familie gemeinsam ein Haus in einem kleinen Dorf bei Gargnano; um es zu unterhalten, wird es regelmäßig an Urlauber vermietet, und das funktioniert, mit den üblichen Querelen, die man als Hausbesitzer nun einmal hat, hervorragend. Die wenigen Male, die ich dort verbracht habe, gehören zu den schönsten Erinnerungen in meinem Leben, denn die Nachbarn sind echte Freunde mittlerweile, man besucht sich gegenseitig, die alte Oma Ana, die nun wirklich fast ihre hundert Jahre erreicht hat, war schon des Öfteren in Deutschland beim Zahnarzt der Familie, eine schöne deutsch-italienische Freundschaft, die auch durch diverse Krisen nicht erschüttert werden konnte.

Die selbstgemachte Salami wie die dort durch das fast mediterrane Klima wachsenden Limonen, die Maronen, der Honig, ich kostete alles und es kostete mich nichts, weil Rina und Tulio in mir das Viertelblut Italienerin erkannten, was mir in Deutschland fast nie geschieht. Was ich für charmantes Temperament halte, wird hier eher unter „hysterischer Ziege“ verbucht, dabei bin ich vom Gemüt her eher ein Kaltblut, wenn es, unter anderem, um Bergwanderungen geht. Während meine lieben, gut um die zwanzig Jahre älteren Mitwanderinnen behende mit Stock und umgebundenem Pulli die Steigungen erlaufen, trotte ich schnaufend hinterher und schäme mich schrecklich.

Oldie

Trotzdem genieße ich zwischendurch diese wunderschöne, mal zerklüftete Bergwelt, wo oben noch der Puderzucker auf den Gipfeln zu liegen scheint, dann wieder die herrlichen Blumenwiesen, die man sofort malen möchte, verfügt man über das nötige Talent. Alles so herrlich nah beieinander und auch von der Ruhr aus mit dem Flugzeug in kürzester Zeit zu erreichen. Wer es traditioneller mag und das Klima gleichzeitig schützen möchte, fährt in Etappen mit dem Auto und kann Rast machen in einem der wirklich schnuckeligen kleinen Hotels oder Gasthöfe auf halber Strecke, noch auf österreichischer Seite, aber dann sollte man sich tatsächlich ein wenig Zeit gönnen.

Ein bisschen mehr Zeit hätte ich mir gern bei unseren Ausflügen gegönnt, einfach aus konditionellen Gründen. Nie zuvor, auch nicht im sauerländischen Gebirgsverein, dem ich immerhin einige Jahre lang angehörte,habe ich alte Menschen so flink und routiniert bergauf- und bergablaufen sehen, dazu der obligatorische Wurzelstock, denn ein Carbonwanderstab oder unsere Walkingstöcke wurden doch eher milde belächelt.

Ich hatte das große Glück, in einen kleinen abgelegenen Berghof eingeladen zu werden, den Rina und Tulio seit vielen, vielen Jahren, tatsächlich über ein Jahrhundert,  in ihrem Familienbesitz haben, dort grillten wir am Kamin Fische, die am selben Morgen aus dem Gardasee gefangen worden waren, ich fühlte mich zeitweilig wie in einem Roman von Hesse, wenn ich nicht gerade den beiden junggebliebenen Seniorinnen hinterherhetzen musste, die sich natürlich köstlich amüsierten über mich hechelndes Stadtkind.

Ich werde in diesem Jahr passen müssen, weil ich einfach keine Zeit habe, was ich sehr bedaure, denn wer weiß, wie lange es diese wunderschönen Bergtouren mit meinen lieben Freundinnen noch geben wird. Stattdessen habe ich mir neue Walkingstöcke gekauft und werde mit dem Geist, der mich dort beseelte, hier an der Ruhr entlangstapfen, was im Grunde nicht minder schön ist, jetzt, da die Bäume langsam ausschlagen und es überall erst zart, dann immer kräftiger bunt wird.

Nächstes Jahr, das habe ich mir fest vorgenommen, bin ich wieder dabei und rate es auch Ihnen, erlauben Sie es sich, einmal diese Wandererfahrung zu machen, sie zu wiederholen, weil Sie sie von früher kennen und die Erinnerung an Lagerfeuer und am Kamin gegrillten Fisch ebenso berührend ist wie für mich. Die Gespräche sind anders, wenn man in weiter Natur lustwandelt, ich habe viel lernen dürfen an Gleichmut, musste mich dem lustigen Spott meiner alten Damen hingeben, aber wurde auch ohne viele Worte einfach liebevoll umarmt, wenn ich endlich oben ankam. Mit dem ehrgeizigen Abreißen von Höhenkilometern hat das natürlich nichts gemein, aber es sind dieser Art von Bewegung fast keine Grenzen gesetzt, wenn man sich einen Ruck gibt und nicht durch handicaps daran gehindert wird.

Das Wandern ist des Oldies‘ Lust…